DAS DORTMUNDER "WESTEND" - IM SCHATTEN ODER LICHT DES U´S? ++ DAS SALON-ATELIER - 2010 LAB ARTIKEL VON CHRISTIAN WESTHEIDE FREITAG, 10. DEZEMBER 2010

Das Dortmunder "Westend" - Im Schatten oder Licht des U´s? ++ Das Salon-Atelier

Autor: Christian Westheide Freitag, 10. Dezember 2010 11:54 Stefan Gutsche ist einer von neun Künstlern, die vor zwei Jahren gewissermaßen als Pioniere, noch bevor das „Kreativquartier Westend“ von Politkern ausgerufen und durch das U zu Stein gemeißelt wurde, das Salon- Atelier eröffneten. Einen ehemaligen Friseursalon, der wie so viele Ladenlokale im Viertel leer stand, nutzen sie seitdem als Atelier und Galerie um „Kommunikationsprozesse über Kunst zu initiieren und so auch den Stadtteil zu beleben“. Und natürlich um künstlerisch arbeiten zu können.
Von Anfang an bekamen die ehemaligen Dortmunder Kunststudenten viel Aufmerksamkeit, sowohl von den Nachbarn, als auch bundesweit von der Presse. Aus der Sicht von Stefan Gutsche wurden sie von den städtischen Offiziellen zwar gern als Zeichen für die Veränderung des Viertels herangezogen, insgesamt jedoch eher wenig beachtet. Es wurde viel genetzwerkt und angekündigt, die Ergebnisse sind aber noch überschaubar.

Warum habt Ihr Euch vor zwei Jahren entschieden ins Westend zu ziehen?

Stefan Gutsche:
Ein Grund war ganz pragmatisch, die Mieten sind im Gegensatz zum Kreuzviertel zum Beispiel günstiger. Dazu kam, dass hier mehr Leerstand war und schon einige von uns hier im Viertel gewohnt haben. Wir hatten zum Westend keine besondere Verbundenheit, es erschien einfach praktisch. Wir wussten zu dem Zeitpunkt auch gar nicht viel über das U, nur dass da was Großes mit passieren sollte, dass es umgebaut wird. Aber das war kein Grund sich ausgerechnet hier niederzulassen.

Ende Dezember wird jetzt endlich das U eröffnet, ihr seid bald zwei Jahre hier - habt ihr schon eine Veränderung wahrgenommen?

Wenn man die Bewohner des Viertels kennenlernt, verändert sich vor allem der eigene Blick. Bei der Nordstadt oder dem Kreuzviertel hat man ja sofort eine Konnotation; das war mit dem Westend anfangs nicht der Fall. Aber weil die Leute hier sehr offen sind, auf einen zukommen und wir insgesamt sehr positiv aufgenommen wurden, ändert sich das schnell. Und dann spürt man, wie viel Ruhrpottgeschichte hier drin ist, wie schön das hier eigentlich ist.
In den zwei Jahren haben sich einige Fassaden verschönt, das Quartiersmanagement entstand und zeigte sich hilfsbereit und dann kamen auch Unternehmensberater und boten großspurig Hilfe an. Mit denen ist es allerdings eher schwierig gelaufen, da sie aus ihrer wirtschaftlichen Sicht an die Sache herangegangen sind. Die erste Frage war, "Wo sind denn die Preisschilder an euren Bildern?"

Wir sehen Dortmund als Chance. Wenn wir das in Köln oder Düsseldorf gemacht hätten, hätte es niemanden interessiert. Die Kehrseite war, dass die Kommunikation mit der Verwaltung anfangs sehr zäh verlief. Und an vielen Stellen versteht bis heute offenbar niemand so recht, dass wir keine Kreativwirtschaft machen, also in angewandter Kunst, Design oder diesen Bereichen anzusiedeln sind. Wir überlegen im Moment auch, wie wir gezielter dagegen vorgehen können, dass der Fokus weiterhin zu sehr auf dem Salon als "Kreativprojekt" liegt statt auf denjenigen, die darin arbeiten, den Künstlern selbst. Und man wird auch irgendwann einfach müde, wenn man Flyer und Einladungen bekommt, bei denen auf einer DIN A6-lang Seite 19 mal das Wort „kreativ“ steht.

Was hältst du denn von der Leuchtturmstrategie des U und der Strahlkraft für das Viertel?

Das Dortmunder U ist ja schon eine Scharnierstelle - um das schöne Wort mal zu benutzen - zwischen Innenstadt und dem „Westend“. Das U hat dem Viertel gut getan, weil Geld geflossen ist und das Ansehen des Viertels ein bisschen aufgewertet wurde. Aber ich glaube angesichts der Schwierigkeiten mit dem Dortmunder Haushalt, den Verspätungen bei der Eröffnung usw., dass da leider die Dinge nicht so ineinander gegriffen haben, wie sie hätten können. Ein anderes Beispiel ist das U-Gelände selbst: hinter dem U sind noch heute Gebäudereste zu sehen. Wir haben überlegt, dass es besser gewesen wäre, wenn die Verantwortlichen das genutzt hätten, um Künstlern und Kreativen die schon in der Stadt arbeiten kostengünstig Raum zu geben, anstatt rundherum Neubauten hochzuziehen und dann eine Versicherung einziehen zu lassen, die jetzt wie ein Riegel vor dem U liegt.

Die Vernetzung, die hier allmählich stattfindet und auch über das U stattfindet, die ist toll und sehr hilfreich. Trotzdem stellt man irgendwann fest, dass es immer die gleiche Gruppe von Leuten ist, die in Bereich Kunst in Dortmund unterwegs sind.

Kreativquartiere, da denkt man an die Klassiker in Hamburg oder Berlin. Was braucht so ein Quartier und was fehlt hier vielleicht noch?

Ganz wichtig ist der Austausch mit der Stadt und der Verwaltung, Kommunikation und ein gegenseitiges Verständnis, wer man ist und was man eigentlich macht. Die Verwaltung wurde mit Leuten konfrontiert, mit denen sie erstmal nichts anfangen konnte, weil sie gar nicht wusste, wie so was laufen kann. Das bezeichnendste Beispiel ist vielleicht, als wir mal ins Kulturbüro gegangen sind, um ein paar Informationen zu bekommen. Das Erste, was die gesagt haben war tatsächlich: „Wenn sie Geld wollen, können sie gleich wieder gehen!“ Das ist eine Einstellung, die mit Kommunikation nichts zu tun hat und auch nicht mit Offenheit, etwas auf die Beine zu stellen. Die Bereitschaft ist in anderen Städten eine andere - und damit meine ich nicht, Geld zu verteilen.

Wenn ihr in 5 Jahren noch immer hier seid, was würdest du dir für das Viertel erhoffen an Entwicklungen?

Dass noch mehr von uns kommen natürlich, weiterhin Vernetzung und mehr Zusammenschlüsse. Auch wenn wir vorsichtiger geworden sind, etwa wegen Leuten, die uns ohne viel Unterstützung dann als eigenen Erfolg verkauft haben. Die Stadt müsste aber mittlerweile erkannt haben, dass in Leuten wie uns eine Chance liegt. Einige sind jedenfalls in den richtigen Positionen gelandet, so dass man nicht mehr nur auf das Kulturbüro angewiesen ist. Aber so ein Viertel, das muss sich über Jahre entwickeln und das kann und wird nicht in nur einem Jahr Kulturhauptstadt passieren.
Ich hoffe, dass nach 2010 diese ganze Euphorie nicht wieder verschwindet. Bei uns wird sie sicher nicht schwinden, wir waren davor da und bleiben auch danach. Wir haben selbst schon nachgedacht und uns gefragt, was wohl 2011 passiert. Läuft das Video auf dem U dann wohl noch? (lacht).